Abstürze

Ich, sitzend im Bett, antiquierte Hardware auf dem rechten Oberschenkel, Bauch stützt, geht erst seit ein paar Jahren, vorher anatomisch unmöglich gewesen. Ich schrieb. Gerade ein paar sehr gute Zeilen, dann plötzlich der Absturz. Deswegen wechseln des Schreibprozessors. Hold the line!
Hoffe, daß es jetzt im digitalen Bauch bleibt und nicht wieder gewölleartig ausgespuckt und verlustig gehen wird.

In bedrückter Erwartung, schaue ich nach vorne, zähle die Tage nicht, hab‘ zuviel Angst, sehe das Ende meines verlängerten Urlaubes nahen. Schuld trage ich keine, einfach aussortiert, gewogen und für zu leicht befunden worden, im nicht persönlich gemeinten Zusammenhang in die persönliche Misere gestossen. Der sich selbst erhaltende Sklave sucht sich nun wieder einen neuen Massa Bwana, ob das so geschrieben wird? Keine Ahnung, muß mir auch keine verschaffen, sie wissen schon Bescheid, oder? Im Vorstellungsgespräch werde ich auf meinen wirtschaftlich nutzbaren Brennwert getestet, nicht persönlich gemeint, ging früher so: Mund auf, reinschauen, Zähne bewerten, Griff an die Muskeln, „Ist der Nigger gesund?“

Noch verrückter der Umstand, daß mir die Firmen Anfragen senden. Früher undenkbar, undankbar, wenn ich nicht freudig aussehend den Diener gemacht hätte und zu Kreuze, wie es halt so Sitte ist bei uns Unbedeutenden. Man muß dankbar sein. Sei doch dankbar. Ist nicht selbstverständlich. Und ja, ich weiß auch nicht so genau, warum es schmerzt, da ich reines Humankapital bin, entlohnt wird man ja und die schönen Dinge – es gibt sie noch! Und man kann sie sich kaufen. „Senden Sie mir ihre Unterlagen und ich schaue mir an, ob wir sie irgendwo einsetzen können.“ Soll wohl jetzt glücklich sein, die Animateure halten Schilder hoch, „Applaus!“.

Träume von Ruhe, von schweizerischen Krankenschwestern auf schweizerische Balkone geschoben werden, im Rollstuhl, Decke über den Knien und schweizerisch Berge vor meinem Auge. Geld spielt in diesem Traum keine Rolle. Einfach auf die Berge und die vorbeiziehenden Wolken starren, dann Mittagessen und Mittagsschlaf, Kaffee und Kuchen, ein bisschen lesen, Abendbrot, ein bisschen lesen und dann massiert die Krankenschwester mich in den Schlaf.

Vielleicht sollte ich ein crowd funding starten. Gebt mir Geld und ich lebe in einem schweizerischen Sanatorium, habe keine Meinung, störe nicht mehr durch meine Anwesenheit die Wirtschaftsabläufe und mein CO2 footprint wird zu einem fingerprint. Die Geldgeber bekommen dann von mir handgemalte Postkarten, garantierte Unikate auf denen ich kleine Textchen schreibe, mit Tinte und Füller. So hätte ich dann meine beiden kreativen Talente genutzt; musiziere ich doch eher vernachlässigbar.

Aber der sich dem Ende neigende Akku reißt mich aus meiner Pfanntasiewelt, gähne, denn es ist spät und morgen ist ein neuer Tag, der mich näher an das Ende meines verlängerten Urlaubes bringt. Morgen wieder eine Begegnung mit einem potenziellen Arbeitgeber, werde mich nicht verstellen, Zeit gegen Geld, zwar freundlich, aber mit Begeisterungsstürmen rechnen die Vorhersagen nicht – bin auch zu alt für diesen Scheiß.

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