Einmal Oldenburg und zurück

Endlich ist es wieder Samstag, die Rehkuh steht an der Strecke. Die jahrelang ungenutzten und verwahrlosten Gebäude, vormals Bahnhöfe, stolz des Ortes und Zeichen für den einziehenden Fortschritt, keine beschwerlichen Reisen mit dem Ochsengespann mehr, plötzlich erscheinen sie erneuert, gepflegt und jemand kehrt vor der Türe. Windräder quirlen auf, die Sonne vertreibt den Mogennebel und die Schweinemast schmiegt sich ins sanfte Grün. Eine pakistanisch verkleidete Familie versucht zu reisen, aber so recht können sie sich nicht entscheiden, die Mutter pendelt zwischen den Sitzplätzen der acht Kinder und die Capri-Sonnen, die jetzt Capri-Sun heißen, sind für sie schon untergegangen. Das anthroposophische Ottersberg droht. Unbegreiflich, daß hier ein Zug anhält, bin aber einigermaßen beruhigt – der Bahnhof ist mit tibetischen Gebetsflaggen geschmückt.

Bremen ist kein Aufenthalt. Schneller Schritt. Die regionalen Bahnen müssen nicht auf irgendwas warten, starten pünktlich, in Delmenhorst werden die erwarteten schlimmen Leute aufgenommen, die dann wahrscheinlich gar nicht so schlimm sind, aber Element of Crime wirken nach. Wo ist der Graben und Getränke Hoffmann gibt es bekanntlich ja schon lange nicht mehr. Hude und jetzt fallen mir tatsächlich auch nicht mehr die anderen Ortsnamen ein, hier ne Schallschutzmauer, dort bambusbesen.net, und ehe man sich versieht Oldenburg. Eine Reihe neuer Häuser rechts, der Bahnhof hat nun Holzkonstruktionen, Dachstütze, damals alles total verrostet und der lokale Shrink wäre beim Warten fast naß geworden. Jetzt keine Spur mehr davon, eitel Sonnenschein, auch im Gemüt, die Straßen und die Häuser putzig, irgendwo zwischen Niederlanden und französischer Kleinstadt, von Ostfriesen erobert, aber nicht so schlimm wie befürchtet. Vor der Post dann die beiden Obdachlosen Oldenburgs, die auch brav mit einem Moin grüßen. In der vereinbarten Lokalität erwarte ich die bekannten Gesichter. Trinke Wasser („Wollen sie midium oder klässik?“) und die Teilnahme am Brunch ist nicht anmeldepflichtig – das Spray mit dem Baconaroma kommt jetzt zum Einsatz.

Dann das Treffen, man schüttelt Hände, sitzt und trinkt, ein Scherzwort, eine Reposté, die Vertrautheit hat sich gehalten, wunderlich nach den Jahren, es ist so, als ob man sich träfe zur trilateralen Versicherung des Menschlichgebliebenseins. Übergang zum warmen Teil, drei Kartoffeln, Pute in Currysoße, die Veganer haben es schwer hier. Fünf Jahre der Trennung führen nicht zu fünf Jahren Gesprächsstoff. Dann bald schon wieder Umarmung und Abschied, bis wann?, bis dann!, zurück auf die Straßen der kleinen Stadt, ins Getümmel der Kaufberauschten, dreimal im Kreise gedreht und schon wieder zurück. Günstige Eisenbahnverbindungen, diesmal die Ortschaften niedergeschrieben, Hoykenkamp, Bookholzberg, Hude, Wüsting, am unvermeidbaren Delmenhorst vorbei (schnell, schnell), dann Bremen. Hier erreicht uns die Nachricht eines seltenen HSV-Sieges. Froh, kein Fußballfan zu sein, sehr froh. Zug nach Hause setzt sich in Bewegung, nimmt Umwege, es gibt baustellenbedingte Gründe, Kirchweyhe hat eine Dampflok vorzuweisen. Gewerbegebiete mit zur Bebauung freigegebener Flächen, vormals bestimmt Acker oder etwas Grünes, jetzt plattgewaltzte Erde, ein Feldhase der sich entsetzt abwendet. Zwei gehirnentleerte, nein drei, versuchen pseudowitzig im Ruhebereich ihren fucking Junggesellenabschiedsscheiß durchzuziehen. Ich wünsche ihnen Mundhöhlenkrebs im Endstadium an den Hals, aber bitte weit entfernt von mir, damit ich mir den Fäulnisgestank nicht geben muß.

Die Abendsonne vergüldet so manchen Birkenhain, Dorfbolzplatz und auch das Angrillen von Familie Steinbrenner neben ihrem Carport. Das Land, in welchem sich Gänse und Kühe einander gute Nacht sagen, wenn sie einmal die Bahngleise überquerten, was sie nicht sollten. Endlich Tostedt. Im Dickicht des Forstes verfangen sich die Worte, male mir noch immer Folterszenarien für die jungen Gesellen aus, während die Temperatur im Wagen 3 um 19:17 merklich fällt. Der Zug scheint einzufrieren, auch die Bewegung lässt nach, wir kriechen, weil vor uns gekrochen wird, Sprözes Bewohner werden sich freuen. Offenbar wird der Zug entlang des Todesstreifens der DDR Grenze vorbeigeschoben. Jedoch treffen die Grenzer nicht, die Bevölkerung Buchholzes besteigt den Zug und es ist vorbei mit der Ruhe.

Dann die Skyline und es ist ein einzig Aufatmen.

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