Nachtasyl

Aus dem Nachtasyl erfolgreich entkommen, auferstanden, den Stein vorm Grab weggerollt und Blüten in den Büstenhalter gestopft. Draußen scheint es, es strebt nach draußen, eine kleine Runde, Bewegung vortäuschen, ab ins Café, immerhin ergeben sich da ja irgendwelche Wolken am Himmel und man weiß ja nicht, nie, oftmals ungewiss, wie überhaupt alles so, oder?

Die Gedanken kreisen endlich nur um mich selbst, die Zeiten der Weltenrettung wohl vorbei, wir atmen alle ein und aus und währenddessen, zwischen Kakao und Brownie, sterben sie und leben sie und werden geboren. Bitte noch einen Latte! Die Aussicht ist nicht spektakulär, die Häuser beherbergen mehrere Familien statt einer, aber immerhin kein Rost auf den Fahrzeugen, selbst die Bäume spielen mit, geben sich gefällig grün, keine unansehnlichen Hecken, bring mir ein Gebüsch! Auch die Pfützen spiegeln brav, Passanten balancieren an ihnen vorbei, möchten das klare Bild nicht stören, kommen und gehen zum Supermarkt mit wirklich erschwinglichen Preisen und wenn sie mir nicht glauben, dann kaufen sie mal drüben, eine Stunde Flug oder so, eine Dose Pringles, ja, ich weiß, sie machen soetwas normalerweise nicht, aber einfach jetzt mal und sie werden sehen, wie kostengünstig so ein EDEKA sein kann. DHL Mann starrt die Phallanx der Klingelknöpfe an, Nummer 28a lässt nicht jeden rein. Dann wird er doch begnadigt, erhält Einlaß, sieht aus wie der Fujimori, damals Präsident von Peru, glaube ich, vielleicht verdient er sich hier ja einfach was dazu? Aus der Küche wogt ein Orangengeruch herüber, wäre es das Orangenmeer, dann wären wir alle schon ertrunken, wahrscheinlich wird gerieben für ein Backwerk, von den sechs bis acht wahrgenommenen Fußgängern, drüben, auf der anderen Straßenseite, waren sechs adipös. Pringles? Ich benutze meine Kuchengabel. Jetzt wieder Sonne. Ich denke gerade daran, daß die anderen Menschen, womöglich der Leser, bis hier hin gekommen, die Erwartungshaltung, wo bleibt die Relevanz, der mahnende Zeigefinger? Scheiß auf den Zeigefinger und frage mich wie man das wohl erfolgreich bewerkstelligen würde. Fujimori ist immernoch zugange, denke ich, der Wagen steht noch da, sehe ich von hier.

Kopftuchfrauen wackeln von links nach rechts, die Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, manchmal nimmt der jüdische Beschneider, nach dem Beschneiden, den kleinen Pimmel in den Mund. Der Herr Levy war strikte dagegen – er hätte richtig Ärger gemacht, wenn es so gelaufen wäre, ist aber nicht, alle waren zufrieden. Könnte jetzt eine Reihe von lustigen jüdischen Regeln und Festen aufführen, eigentlich, haben alle ziemlich gelacht, auch Herr Levy und ich, oftmals ganz schön blödsinnig, manchmal muß der Rabbi sich besaufen, keine Widerrede. Aber soviele Juden laufen hier nicht von links nach rechts, eher die Kopftuchfrauen. Kleine Kopftuchmädchen hatte der Sarazin geschrieben oder irgendwer anders und schon waren alle ganz aufgeregt und dem Sarazin sein Buch verkaufte sich besser. Ich habe nichts zu verkaufen. Interessiert mich nicht. Fujimori ist jetzt futsch. Das konnte ich mir nicht verkneifen. Sonne ist wieder weg, immerhin kein Regen, wäre aber auch egal, sitze ja drinnen. Heiter bis wolkig, ähnlich letztens in Skadinavien, der Oper auf das Dach gestiegen, schöner Blick zweifellos, Himmel und Menschen, drei Sikh (oder ist es Sikhs?) trugen ihre Haare, wie sie es so tun und vielen auf, blau, gelb und rot – wenn es die Landesfarben ihrer Nation gewesen wäre, dann kämen sie aus Rumänien. Sitze also immernoch hier in Hamburg und bin aber mit dir in Oslo. Unfassbare Welt der Wortverdreher.

Oslo also. Da gab es nicht so viele Adipöse, vielleicht wegen der Pringles? Siehe oben. Das beantwortet aber nicht, nie und nimmer, die Frage nach der Reise an sich. Warum macht man das überhaupt? Nur kurz: schon wieder ein großer adipöser Mensch auf der gegenüberliegenden Seite. Auf der Suche nach der Erfahrung der norwegischen Alltagswelten. Sind die nett dort? Sollte man anstreben dorthin zu migrieren? Immerhin sind es nur 6 Millionen, verteilt auf ein ziemlich großes Terrain, alle entspannter, auf jeden Fall, alle gute Sprecher und Versteher der englischen Sprache, jeder, immer, wirklich erstaunlich. Viele Autos ohne Verbrennungsmotor. Wenn es also hier den ersten AfD Innenminster gibt, der vor allen deutschen Amtsstuben Kreuze aufstellen lässt, um dort die Identifikationsverweigerer zu nageln, dann lockt doch Spitzbergen, minus superkalte Grade und aufrechte Bergbauarbeiter, vielleicht benötigen die noch einen Frederik; kann zwar keine Vorräte sammeln, aber ich könnte schöne Eindrücke sammeln und während des arktischen Winters, in der dauernden Dunkelheit, erzählen, quasi die menschliche Tageslichtlampe – spart den Therapeuten. Tageslichtlampen-Man. Wahrscheinlich sitze ich dann aber doch zuhause, also hier und schaue weg, wenn die ersten Kopftuch-Turban-Menschen des Landes verwiesen werden, wegen fehlendem Identifikationswillen. Jetzt scheint die Sonne wieder.

Langsam neigt sich der Kakaovorrat dem Ende entgegen. Von daher fange ich meine verwilderten Gedanken wieder ein und pfersche sie in den Pfersch.

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