Professionelle Entschuldigung

Ein neuer Tag, eine neue Herausforderung die Umstände zu ertragen. Zu durchleben. Es ist nicht so, es ist anders, es gibt auch mal Kuchen und Torte und lustige Begegnungen mit ehemaligen Arbeitgebern. Eine vertrackte Situation, musste man doch den lieben Mann, von allen respektiert und geachtet für sein bescheidenes Wesen, entfernen, rausschneiden, aber he!, du wolltest doch sowieso etwas anderes machen und da dachten wir, machten wir, Lebensgrundlage hinfort. Es ist nicht leicht gefallen, konnte man sehen, der heiße Brei wurde mehrfach umrundet, gewunden und der Busch beklopft, trotzdem trotze dem, eine Absolution wird es nicht geben, ein bisserl Dank für den Titel, ok, dem unmenschlichen System die Stiefel, pfui! Der Mai ist gekommen, nun ist das Kapitel abgeschlossen. Kein Grund mehr sich damit einen Grund für die Dramatisierung des Daseins zu schnitzen. Also, der nächste Verlust.

Jetzt, hier, der Kopf ist frei, eine neue Location, eine Halle voller Bücher und jungen Menschen, die studierend ihrem Auftrag zur mittelfristiger Wirtschaftlichkeit nachzukommen haben. Jede Menge Versprechungen, die ein oder andere intrinsische Motivation. Aber es sind die dunkelhäutigen Menschen, arabisch?, türkisch?, bärtig (zum Teil), die hier die Plätze belegen – auch der Aufpasser ist ein streng dreinblickender Typ des Südens, Schnörres und rote Krawatte. Der Wille zum Aufstieg. Ich wünsche es den fleißigen Bienen – manchmal ist es jedoch besser, wenn die Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Manchmal auch nicht. Wieder stellt sich mir die Frage nach der Bezahlung der Bibliotheksmitarbeiter: wie kann man davon leben? Bin berührt, aber nicht zu lang, denke schon wieder an Kakao und Speisen. Oftmals ist es auch gut, die Perspektive, deswegen drehe ich den Sitz, es erstreckt sich, für meinen Geschmack zu hell. Zwei Mann eilen ruhig hinaus, Nikotin brauchen sie, kein Grund zur Sorge, alle Utensilien zur Hand, kennen den und sind auf dem Weg. Der rote Sitzbezug unter meinem Hintern, tut ledern, ist von angenehmer Glattheitigkeit, schwebe quasi zwanzig Zentimeter über dem Boden, die entspannte Haltung ist bestimmt nicht gesund. Die Qualmer sprechen arabisch als sie heimkehren. Der geneigte Leser erkennt pfiffig die Zeitspanne meines Grübelns.

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DAS ist das Leben, welches mir vorschwebt. Ziellos betrachten und keinen Mehrwert zu produzieren. Alles andere führt doch nur in den nächsten Krieg. Jetzt wieder vertraute Gestalten zwischen den Regalen – so groß ist diese Stadt auch wieder nicht und ich versuche, erfolgreich, mich unsichtbar zu halten.
Da kommt mir die fehlende Struktur oder Form oder Spannung dieses Textchens in den Sinn. Bin aber auch Spießer, wie viele andere auch, Herkunft, immernoch gehemmt, wahrscheinlich ob der sinngebenden Medien um mich herum. Dahinter lauert er wieder, der Bedeutungstiger. Königstiger. Hoffentlichh stirbt dieses blöde Tier mal bald aus.
Dann ein anderer Einfall: Wenn man die Augen ein wenig zusammenkneift und auf den Bodenbelag stiert, dann könnte es sein, dann erschiene es, als ob es Dinge zu entdecken gäbe. Digger. Dann siehste Gesichter, Alter. Oder Geister. Dann wird es nicht so schön, denn von Geist ist es nur ein kleiner Schritt zum alten Gevatter. The grim Reaper. Sensenhauptmann, AAAAAaCHTUng! Das Marine Äquivalent zu Hauptmann kommt mir nicht in den Sinn, vermute Bootsmann. Also Sensenbootsmann. Die Menschen sterben, alles Weiber, die Mutter, die Großmutter, die Bekannte, die gute Seele aus den langen Jahren. Nicht meine Verluste, abstrakt, nur Vorstellung, kein Wehe, kein Leiden, aber doch!, ich kann es sehen, höre die Berichte. und dann , irgendwann, verlierst du auch deinen Geschmackssinn, wirst vielleicht nochmal nervös, möchtest aufstehen, flüchten, aber es ist zu spät, dann kommt irgendwann das Röcheln – hier braucht der Sterbende keinen Schleimsauger mehr, spürt es nicht, ist schon woanders, nur die Angehörigen schrecken auf, sagen die Pfleger. Es entzieht sich, außerhalb unseres Erfahrungshorizontes, können nicht hinter den Vorhang blicken, nur noch Knochen, dann nur noch Staub. Jetzt habe ich mir aber meinen Kakao verdient.

Übrig bleibt die Erinnerung an eine nicht ausgesprochene Entschuldigung, die Inkompatibilität des Menschen mit dem Wirtschaftssystem.

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