Cardiologisches Wartezimmer

Manchmal sitzt man einfach auch nur so rum. Starrt Löcher in die Luft. Einatmen, ausatmen. Das langsame Wegdriften, die Schiffe verschwinden am Horizont und Sandkörner sickern durch das Glas. Keiner sieht hin. Wenn dann auch noch die Sonne rauskommt, dann ist es umso gemütlicher. Nahezu flat line; ohnehin wartet oder schläft man ja bekanntlich den größten Teil seines Lebens.

Vor lauter Besinnung kann man dann gar nicht mehr die Augen offenhalten, durchs offene Fenster röchelt ein Dieselfahrzeug, wahrscheinlich Taxi, gleich betritt wieder eine alte Dame das Wartezimmer, überleben ihre Männer, werden gefahren, Taxameter klingelt, dem Arzt ist schon langweilig, weil in Echt ja gar nichts ist. Außer alt sein. Gut wenn man lesbisch ist, dann ist man länger zusammen.

Irgendwo auf der Welt gibt es Fabriken, welche Wartezimmer Anmutungen realisieren, ohne Konzept, von der Stange, wichtig ist nur die Anzahl der Quadratmeter, damit gefüllt werden kann, mit dem typischen Durchsagelautsprecher, Kunstpflanzen, Fußleisten, welche die Bestuhlung von den Wänden fernhält, künstlichen Blumengestecken, die auf Tischen mit schrecklichen Zeitschriften stehen. „Vivanty“ zeigt uns das Beste aus Lifestyle, Wirtschaft, Sterneküche, Automobile, Reisen & Hotels und Interviews. Fehlt nur noch Hundeerziehung und SM-Praktiken. Dann die apokalyptischen Reiter des Zeitschriftenregals: Gala, Bunte, Freundin, all der Burda-Scheiß, Brigitte und der Focus, der, Fakten, Fakten, Fakten mit der Frau im Spiegel beischläft.

An der Wand hängt eine leere Halterung für Infomaterial, darüber ein Aufkleber auf dem steht: BITTE MITNEHMEN. Wurde Gebrauch von gemacht, jetzt weiß man woran man ist, was zu tun und welche Pharmafirma den Prospekt uneigennützig herausgebracht hat.
Aber es ist ok, immerhin hat der Facharzt 12 Jahre studiert, wußte ich erstmal nicht, wird auch nicht so an die große Glocke gehängt, aber vorstellen muß man es sich, kommste aus der Schule und dann nochmal fast dein bisheriges Leben dranhängen. In der Zeit habe ich die schlimmsten Erfahrungen meines Lebens gemacht, also die Besten.

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