Cardiologisches Wartezimmer

Manchmal sitzt man einfach auch nur so rum. Starrt Löcher in die Luft. Einatmen, ausatmen. Das langsame Wegdriften, die Schiffe verschwinden am Horizont und Sandkörner sickern durch das Glas. Keiner sieht hin. Wenn dann auch noch die Sonne rauskommt, dann ist es umso gemütlicher. Nahezu flat line; ohnehin wartet oder schläft man ja bekanntlich den größten Teil seines Lebens.

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Professionelle Entschuldigung

Ein neuer Tag, eine neue Herausforderung die Umstände zu ertragen. Zu durchleben. Es ist nicht so, es ist anders, es gibt auch mal Kuchen und Torte und lustige Begegnungen mit ehemaligen Arbeitgebern. Eine vertrackte Situation, musste man doch den lieben Mann, von allen respektiert und geachtet für sein bescheidenes Wesen, entfernen, rausschneiden, aber he!, du wolltest doch sowieso etwas anderes machen und da dachten wir, machten wir, Lebensgrundlage hinfort. Es ist nicht leicht gefallen, konnte man sehen, der heiße Brei wurde mehrfach umrundet, gewunden und der Busch beklopft, trotzdem trotze dem, eine Absolution wird es nicht geben, ein bisserl Dank für den Titel, ok, dem unmenschlichen System die Stiefel, pfui! Der Mai ist gekommen, nun ist das Kapitel abgeschlossen. Kein Grund mehr sich damit einen Grund für die Dramatisierung des Daseins zu schnitzen. Also, der nächste Verlust.

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Nachtasyl

Aus dem Nachtasyl erfolgreich entkommen, auferstanden, den Stein vorm Grab weggerollt und Blüten in den Büstenhalter gestopft. Draußen scheint es, es strebt nach draußen, eine kleine Runde, Bewegung vortäuschen, ab ins Café, immerhin ergeben sich da ja irgendwelche Wolken am Himmel und man weiß ja nicht, nie, oftmals ungewiss, wie überhaupt alles so, oder?

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Wider besseren Wissens

Ein Lehrstück über die Berufswahl

Eigentlich Sonnen, klar daß man Angst hat, aber so ein Schisser? Wenn man gefragt würde, wenn es jemanden interessierte, dann würde man sagen, sagte man, ohne Hintergedanken, von der Leber weg, kindesgleich, antwortend: ich mache gerade das Falsche. Ist aber richtig so. Sage ich jetzt.

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Einmal Oldenburg und zurück

Endlich ist es wieder Samstag, die Rehkuh steht an der Strecke. Die jahrelang ungenutzten und verwahrlosten Gebäude, vormals Bahnhöfe, stolz des Ortes und Zeichen für den einziehenden Fortschritt, keine beschwerlichen Reisen mit dem Ochsengespann mehr, plötzlich erscheinen sie erneuert, gepflegt und jemand kehrt vor der Türe. Windräder quirlen auf, die Sonne vertreibt den Mogennebel und die Schweinemast schmiegt sich ins sanfte Grün. Eine pakistanisch verkleidete Familie versucht zu reisen, aber so recht können sie sich nicht entscheiden, die Mutter pendelt zwischen den Sitzplätzen der acht Kinder und die Capri-Sonnen, die jetzt Capri-Sun heißen, sind für sie schon untergegangen. Das anthroposophische Ottersberg droht. Unbegreiflich, daß hier ein Zug anhält, bin aber einigermaßen beruhigt – der Bahnhof ist mit tibetischen Gebetsflaggen geschmückt.

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Eine kleine Nachtmusik

Augen und Mund zu, die Nase darf ruhig ein und aus, die Batterien leer. Flugs noch die Netze vernetzen und zusehen. Ich bin niemandem etwas schuldig.

Lufthafen

Der Führerbalkon – von der Empore aus gestattet unws Ronald McDonald einen Blick auf die nomadisch mobilen Untertanen, gewiß, häufig auch Freizeit und Entspannung, aber auch dort wird Geld umgesetzt. Eine kühne Konstruktion, wie überall eigentlich, aber hier jetzt auch und ein verlorener Ballon hat sich hoch oben in der gespannten kühnen Deckenkonstruktion verkeilt, schon lange her, sehe ihn seit Jahren dort, vielleicht aber auch ein anderer, das macht auch nichts. Die Sonne wandert, der Fußboden zeichnet ihren Weg auf, hier feminin, ansonsten überall anders, Englisch fällt sowieso raus. Wo würde man am Besten eine Bombe verstecken, denke ich mir, denke ohnehin immer so Sachen, versuche positiver zu sein und beobachte die Menschen, die mit ihrem Bewegungsdrang das Klima verschlechtern.
Die Barclaycard-Menschen versuchen Barclaycards zu verkaufen, ihr Kostüm figurbetont und er lächelt symphatisch – aber richtig anbeißen will da niemand, bleiben alleine mit ihrem Lächeln, nicht das ich sie bemitleide, aber , ach, ich weiß es ja auch nicht. Zwei alte Frauen versuchen mit ihren Walking-Sticks (heißt das so?) durch die Sicherheitskontrolle, sehen unbedarft, feix mir was, geht bestimmt wegen Sicherheit, also könnte ja auch scharfe, vergiftete Spitzen unter dem Gummiknubbel stecken, also so eine Stewardess ist doch schnell durchbohrt und dann haben wir den Salat, aber Überraschung!, die Damen sind durch, haben es geschafft, da nützt dann auch keine Terrorabwehr und Heimatschutzbehörde, diese islamisierten Omis aus Bahrenfeld werden nun Märtyrerinnen des Propheten. Wird mit Sicherheit Auswirkungen auf mein Befinden beim nächsten Flug haben.

Weiter im Text. Die Klimaanlage sorgt für eine angenehme Hallenbadtemperatur, das Geräusch des Gemurmels lässt einen einschlafen, weißes Rauschen oder Wellenschlag – Bächlein geht auch, aber hier ist es halt das Gemurmele. Auf dem Großbildschirm gegenüber gibt es junge Menschen zu sehen, die sich glücklich in die Augen schauen, während seine Hand die Waren des duty free streicheln. So ist die Jugend, haben sich bestimmt bei Tinder, einmal in die falsche Richtung gestrichen und dann war es doch gar nicht so schlecht, sind aber nur Darsteller, Bewerber des Lufthafen, privat kannten die sich vielleicht 30 Minuten lang. Jetzt kommen die Nachrichten. Und dann natürlich die neongelben Warnwestenträger, hier ein Schwarzer, der kettet die Gepäckwagen aneinander, zieht sie wasweißichwohin, weg, Backstage. Ist das wichtig, daß ich „ein Schwarzer“ schreibe? Neger schrieb ich schon in einem anderen Text; aber alles nur Provokation, ich kenne viele von denen, die sind alle nett! Noch mehr Provokation, aber jetzt ermüdet es mich und eine relativierende Erläuterung wird es nicht geben, denk‘ dir selbst eine aus.

Hoffentlich erlebe ich es nicht mehr, daß die Lufthäfen genauso verranzt aussehen werden, wie die Bahnstationen. Der Zauber des Aufenthaltes liegt in der sauberen Feierlichkeit, ein bißchen wie in der Schweiz, wobei dann der nicht mehr zu toppende Superlativ ein Lufthafen in der Schweiz wäre, was er aber nicht ist, vielmehr normalisiert es sich auf dem Niveau. Meistens jedenfalls. Linz in Österreich hat auch einen Lufthafen, verdient ihn aber nicht. Der ist so tödlich in seiner Ausstrahlung, das hat selbst Linz in Österreich nicht verdient.

Ein Rudel Emirates Stewardessen kommt vorbei gerauscht und verstecken sich unterhalb des Führerbalkons, der Führer schaut von seiner Schreibmaschine auf, kann sie aber nicht mehr erblicken, wendet sich ab, wo sind die denn?, tauchen partout nicht mehr auf. In so einer Stimmung fällt man in die Tscheslowakei ein.

Einen Balkon tiefer werden 500 Euroscheine akzeptiert. Bestimmt Fahrgäste der weißen Stretchlimousine, die vor dem Eingang, direkt hinter der Drehtüre, immer wieder drücken Menschen an den Glasscheiben rum und dann bleibt das Dingens stehen. Barclaycardfrau wippt mit ihrem Pferdeschwanz, das sieht dynamisch aus. Das sehr krank aussehende Kind wird von zwei üppigen Matronen die Rolltreppe hoch geleitet. Witze drüber zu machen verbietet sich, ist halt das Leiden und dann auch noch ein Kind, soll doch leben, hier wird ja alles dafür getan, hoffentlich, denkt man, aber dann denkt man doch nicht so weit, denkt nicht an die Kinder im Müll und die armen verhungernden Kinder, meistens so woanders. Auf den Schreck einen BigMac.
Jetzt soll es mir reichen, die Bilder gleichen sich ohnehin bei jedem Besuch, das wirklich angenehme ist die Geräuschkulisse, die ich anhängen werde.

Zahnschmerz

Dentale Schmerzen. Ignorieren, abwiegeln, aber man weiß es ja, trotz der Sorgfalt, sogar mit Zahnseide, warum heißt das wohl Zahnseide (vielleicht mal wieder die Chinesen, die hätten ja auch den Messias mehr verdient, als die Barbaren in Judäa), und Ibuprofen – wieder eine Frage: woher weiß das Ibuprofen wo der Schmerz ist? Intime Einsichten, immerhin macht man ja nicht für jeden dahergelaufenen Wicht den Mund auf, Sondieren, Spiegeln, Tasten womöglich, kenne ich sie irgendwoher?, Inlay, Brücke, Krone, war es eigentlich die ganze Zeit so, Schweißtropfen rückennah. Dann ein erlösendes Wort, mehr noch, Lob, natürlich auch eine Kritik, aber verhalten, nicht wie die Trümmerfrauen damals, egal wird alles gefüllt, immerhin sind wir in den Siebzigern und privat versichtert. Der schwierige Teil ist der mit dem nicht-essen – nicht-essen, nicht-sein, nicht-tun – WuWei in Weimar. Diesmal nur eine halbe Stunde, aber ist ja Mittag, warme Speisung. Und ja, der Schmerz ist weg.

Grand day out

Bevor das Tastenkästchen wieder an die Verstromung kommt, der Balken sinkt herab, jetzt schon gelb, bald rot, durchpulst mich der Wunsch nach Wichtigkeitsäußerung.

Warm der Tag, diesmal Sonnenscheindauer zwölf Stunden, so weit die Füße tragen, hinaus – ist ein zielloses Einherschreiten, eher wie so ein Besucher, fehlte nur der Führer, die besten Tipps, jetzt um die Ecke und dann steht sie da. Oben die Plaza, da laufen dann die Leute rum, bewundern das Bauwerk und die Aussicht, ein bisschen wie damals bei den Weltausstellungen, Chrystal Palace und das Wundergeschütz von Krupp, jetzt aber alles friedlich, von der Kapitalzurschaustellung einmal abgesehen.

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