Zwischenstand oder Endstand?

Muß mal wieder sein, scheinbar. Laufe rum und schieße Fotos. Menschen schauen weg, in ihre Phones, alles gut, sollen sie machen. Die Zeiten von diesem Cartier-Besson scheinen vorbei, die Kinder spielen Pokemon-Go und nicht auf der Straße und tragen auch keine Rotweine durch die Gegend. Käme ja auch direkt der Kinderschutz um die Ecke, die Tante vom Amt oder sowas.

Aber alles egal, weil der Mensch am Ende ist. Klima, Konflikte, die neuen Rechten, die Abhängigkeit von der Technik (ja, das schreibe gerade ich, Freund des Computers seit 1984). Vielleicht habe ich Glück und die schlimmsten Folgen rauschen bis zu meinem Tod an mir vorbei, aber die Kinder und Enkel wird es kalt, respektive heiß erwischen.

In dem Film Matrix gibt es diese schöne Stelle an der Agent Smith erklärt, daß der Mensch für ihn kein Säugetier, sondern ein Bakterium ist, welches sein eigenes Habitat zerstört. Simple as that. Aber ich will keinem die Schuld zuweisen, wir haben uns halt ungünstigerweise spätestens seit der industriellen Revolution in diese Richtung entwickelt und noch immer gilt es als eine tolle Sache, wenn Menschen Kinder (er)zeugen.

Chioran hat schon geschrieben, daß man Geburtstage nicht als freudiges Erlebnis feiern sollte, sondern trauern sollte, weil schon wieder ein Lebewesen in dieses fehlerhafte Bewusstsein gestoßen wird. Heute kann man hinzufügen, daß es auch in eine unwirtliche Welt gestoßen wird.

Also Texte, Fotos und gute Taten, die Welt zum Besseren verändern – Eitelkeiten, Ablenkung von dem Gedanken, daß man gar nicht so ein einzigartiges Wesen darstellt. Die, welche unternehmen, sind die größten Schweinepriester. Heute kann jeder Idiot auf diesen einfachen Gedanken kommen. Noch mehr Ursachen setzen ist von Übel – das wusste man schon vor ein paar hundert Jahren. Aber auch hier: keine Schuldzuweisung nur Analyse, bin ja selber so einer, wenngleich auch in einem kleineren Maßstab, als die Gründer von Google.

Also gehe ich hinaus, folge dem Ruf, damit ich nicht zu traurig werde, vielleicht kommt auch ein Spekulatius dazu, ja, hier gibt es noch ein paar Exemplare.

Seid nicht betrübt, es ist ohnehin nicht abzuwenden.

Eine Bar mit einem lustigen Namen

Denk nur, schau mal an, es ist ja nicht so ganz ohne Schwierigkeiten zu bewerkstelligen, also von meiner Perspektive aus; nach einer Schicht hier hat der Schwarzgekleidete, hier Servicekraft oder Kellner, bestimmt Probleme den Michael Jackson aus den Ohren zu bekommen. Die besten Hits der Achtziger. Früher mussten die das alles im Kopf oder aufm Zettel haben, das war dann noch schwieriger. Heute nicht ganz so, weil sie diese kleinen Gerätschaften mit sich führen. Aber ist bestimmt nicht streßfrei. Nora scheint total abgenervt zu sein, kein Trinkgeldgesicht, die Jungs hinter dem Tresen sind da schon souveräner, treiben Scherze, zumeist miteinander, präparieren ihren Bereich und haben dann sogar noch Luft einen Kaffee zu trinken.

Draußen schwebt ein geblümter Geist vorbei, die Köpfe drehen sich und jetzt wäre die beste Zeit die Kronjuwelen zu stehlen.

Schwierig sich vorzustellen, wie es damals war, alle quarzten, man sagte blauer Dunst, so dicht, heute kann man hier sogar seine Kinder stillen, macht man sogar, daneben werden Pommes, die sind ja mittlerweile auch krebserregend. Papa was a rolling stone. Zum Glück nicht mehr die Achtziger. Die Speisekarten sind aber noch analog. Kleben gerade neue Preise drauf, oder Sicherheitshinweise, oder eine Adressänderung. Sarah gibt sich redlich Mühe die korrigierten Karten optisch angenehm zu drapieren. Das Wortspiel mit der katalonischen Hauptstadt ist eher so lala, ähnlich den tausend ‚lustigen‘ Namen für einen Friseursalon. Kaiserschnitt. Vielleicht denkt Nora permanent über den Namen nach. Dann könnte ich sie verstehen.

Zwei Männer, ein junger, ein alter, der junge nennt sein Gegenüber immer ‚Bibi‘, Bibi ist nie zu verstehen, aber die Sonnenbrille, die hat Bibi nicht abgenommen, vielleicht eine Art Pate, Godfather, jemand der die Drähte hier im Kiez zieht und sein etwas einfacher Enkel. Bestimmt verdreht Bibi immer die Augen, die Sonnenbrille, jetzt ergibt es Sinn. Enkel hat eine Heuschnupfen Allergie. Gloria Estefan. Hatte die nicht Krebs? Es ist jetzt zwanzig Uhr und einer der motivierten schwarzen Männer verteilt die aktualisierten Speisekarten im Obergeschoss, nix mit Drapieren, aber bis gerade war da oben noch geschlossen. Mehr Umsatz. Ist ja auch gut, die Wirtschaft ankurbeln. Macht Bibi bestimmt auch.

Draußen sitzt Benicio del Toro im mintgrünen Poloshirt.

Sarah serviert wieder. Die Bedienten sehen aus wie junge Studentinnen. Hochschulbildung. Und überhaupt sitzen alle möglichen Leute hier. Das macht es erträglich. Beim Hinausgehen sehe ich Bibi hinterher, er trägt einen Cowboyhut aus Leder. Vielleicht doch nur ein ganz normaler Opa. Die Studentinnen haben reine Haut und reine Gedanken, reden über philosophische Themen oder mathematische Problemstellungen, auf jeden Fall sehen die Getränke alkoholfrei aus – Ginger Ale. Es bilden sich Schlangen von Menschen, begehren Einlass, wollen zurechtgewiesen werden; die Empore ist wohl doch noch nicht geöffnet. Das Wort „Schankverlust“ geht mir durch den Kopf, während Neneh Cherry, aber die war ja Anfang der Neunziger und ihr Bruder hieß Adlerauge.

Benicio gehört offensichtlich zu einem Treffen eines Nachbarschaftsvereins. Zehn Menschen unterschiedlichster Aufmachung, inklusive Benicio sitzen im Außenbereich und trinken, lachen, rauchen und gegessen haben sie scheinbar auch etwas. Und als Nora bei ihnen eine weitere Bestellung aufnimmt, kann selbst sie lachen – für einen kleinen Moment hat sie die Bar mit ihrem lustigen Namen vergessen.

Cardiologisches Wartezimmer

Manchmal sitzt man einfach auch nur so rum. Starrt Löcher in die Luft. Einatmen, ausatmen. Das langsame Wegdriften, die Schiffe verschwinden am Horizont und Sandkörner sickern durch das Glas. Keiner sieht hin. Wenn dann auch noch die Sonne rauskommt, dann ist es umso gemütlicher. Nahezu flat line; ohnehin wartet oder schläft man ja bekanntlich den größten Teil seines Lebens.

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Professionelle Entschuldigung

Ein neuer Tag, eine neue Herausforderung die Umstände zu ertragen. Zu durchleben. Es ist nicht so, es ist anders, es gibt auch mal Kuchen und Torte und lustige Begegnungen mit ehemaligen Arbeitgebern. Eine vertrackte Situation, musste man doch den lieben Mann, von allen respektiert und geachtet für sein bescheidenes Wesen, entfernen, rausschneiden, aber he!, du wolltest doch sowieso etwas anderes machen und da dachten wir, machten wir, Lebensgrundlage hinfort. Es ist nicht leicht gefallen, konnte man sehen, der heiße Brei wurde mehrfach umrundet, gewunden und der Busch beklopft, trotzdem trotze dem, eine Absolution wird es nicht geben, ein bisserl Dank für den Titel, ok, dem unmenschlichen System die Stiefel, pfui! Der Mai ist gekommen, nun ist das Kapitel abgeschlossen. Kein Grund mehr sich damit einen Grund für die Dramatisierung des Daseins zu schnitzen. Also, der nächste Verlust.

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