Kapitale der Welt

War dort, muß nicht wieder hin. Mußte aber, jetzt war Geld vorhanden, Zeit erfragt und Gelegenheit günstig. Zweidimensionale Ansichten, über Jahre damit gefüttert worden, künstliche Kultur, wahrscheinlich strategisch übergestülpt, auch mit guten Vorsätzen, denn der Russ stand ja vor der Türe, steht er ja irgendwie immernoch, aber damals mußte man ihm das Glas Coke und das Eigenheim und das Automobil doch entgegenhalten, damit er sich schlecht und unterentwickelt vorkäme, was schlußendlich ja auch irgendwie funktioniert hat. All die ganze Musik, der Bub hört, aber er versteht noch nicht, so daß die erste Frage in der Grundschule lautet: „Wann lernen wir Englisch?“. Also so tief im Gedärm sitzend, die Vorstellungen, die Großartigkeit in Beton und Stahl und die Beastie Boys und überhaupt: also, auf nach Neu-Amsterdam!

Wenn man ins Schlaraffenland (Lulu!) kommen möchte, muß man zuerst sein Hirn und seinen Biorhythmus in Brei verwandeln. Acht Stunden in einer abgedunkelten Röhre, über den Atlantik, Bordbespaßung und merkwürdiges Essen und dann schlägt man irgendwann auf; außer den Verkehrsschildern ist alles gleich, denkt Mann. Sieht aus, es gibt Luft und die Menschen gehen auch nicht auf dem Kopf. Aber merke! es ist ja auch erst New Jersey und das ist ja  bekanntermaßen not the real deal, aber dafür eine kostengünstige Variante, um Herberge zu finden, bevor man sich hintraut, dort, wo schon die Ghostbusters wirkten.

Einrichtung, Basislager an der 6th street, Proviant und Begutachtung der Nachbarschaft (Gangs?), Schlaf, schließlich der neue Tag, das Frühstück der Champions hat 800 000 Kalorien, alles so süß hier, frohgemut und unschuldig den ÖPNV nutzen, die Bundesstaatsgrenzen subterran übertretend, Ausstieg 33te Straße und dann der Schlag mit dem Chinatown-Wok: es ist alles da, nur in Echt, 3D, die Millionen Menschen laufen extra nur für dich vorbei, die gelben Taxis hupen, umringt von Gebäuden, welche dir Nackenstarre bereiten, hier ist die Zentralperspektive schnell erlernt. An der Seite ein Zaun, an welchem sich bestimmt schon andere festgehalten haben, weil so überwältigend, alles, hier und nur mit schweren Schritten die Fortbewegung, Neukalibrierung der Verhältnismäßigkeiten. Zum Glück bewege ich mich in einem autonomen Fahrzeug Marke Fleischsack, die Beine laufen, Schritt für Schritt sich dem Tempo der Eingeborenen anpassend, Kopf kommt nicht mit und muß ersteinmal einparken, marmorgetäfelte Wände in der public library betrachten, ein paar Minuten, bloß nicht die vielen umherirrenden Menschen wahrnehmen, nur die Kühle und die Adern im Stein, das ist fein.

Dann ist es aber auch gut, endlich ist ein Voranschreiten möglich und Tag um Tag werden nun Kilometer absolviert, zu Fuß, alle möglichen Winkel betrachtet, die üblichen Orte ignoriert, sightseeing ist was für Touristen und das will man nicht sein, ist aber auch egal, weil man ohnehin daran vorbeiläuft, zwangsweise, denn das Bekannte steht hier an jeder Ecke rum und je mehr Filme man gesehen hat, desto bekannter Terrain und Bezeichnungen. Also ein großer Haken dran – die Orte gibt es wirklich und in Echt und es sind einfach Orte, da kann man stehen und schauen und wieder gehen.

Interessanter: anders als zuhause, viel öfter offen zutagetretend, ist der Geruch von gerauchtem Gras; immer ist kein Raucher auszumachen, es sind ja auch einfach zuviele Menschen auf den Beinen, in der crowd, in der Masse, aber gäbe es ein Passiv-High-werden, dann wäre der Lachflash und der Heißhunger ständiger Begleiter. So aber nur Naserümpfen. Und überhaupt die Drogen: es wird gewarnt an jeder Ecke, plakativ und auch telegen, aber nicht ob Verbotenem, das ja der finstere Mexikaner einschleppt , sondern vor denen, welche der Arzt verschreibt. Sei wachsam, denn sonst wirst du  ein Opiateopfer und bekanntermaßen gibt es davon viele im land of the free; wollen die Pillenhersteller einen eigentlich wirklich gesund sehen? Müssen doch auch von irgendwas leben.

Der Afro-Amerikaner an sich kann nicht gut tanzen, aber er kann scheinbar im Niedriglohnsektor der Servicedienstleistungen allgegenwärtig sein. Selten steht der weiße Mann an den Supermarktkassen, fungiert als lebendige Infosäule am Fahrkartenautomat oder rennt mit einer Weste namens ’security‘ herum. Der schwarze Mann jedoch gesteht, daß er zwei Jobs benötigt. Ein Schelm, wer da an das Schulsystem denkt.

Nach dem vielen Laufen und Schauen, nach Mittag, nachdem man dem Trump seinem Turm vor die Türe gespuckt und mit Passanten die klimawandelbedingte Höhe des Hudson Flußes besprochen hat, sehnt er sich nach Kaffee und Kuchen, eilens in den Laden geeilt, bekommt immerdar nur Pappbecher mit Plastikdeckel. Immer. Alle. Nicht nur hier. It’s Einweg or the highway. Interpolierend weitergedacht, sind die Müllberge der Metropole gigantisch. Darauf ein Glas gechlorten Trinkwassers! Wenn es schon der 1st world nicht genug Mikroplastik gibt, wie ist es dann wohl in Manila oder Kinshasa (einfach zwei Dörfer herausgegriffen, habe doch auch keine Ahnung, wie die es handhaben). Der Passant wird wohl noch nassere Füße bekommen, demnächst. Und es war weise, den Park auf die Stelzen der Hochbahn zu pflanzen.

Ich bin ein weißer Mann und kenne das auch nicht anders. Neu war, einmal der Einzige weit und breit zu sein. Da hilft es auch nicht, dass sich die Freimaurer Haarlems zu einem Gruppenfoto auf den Kirchentreppen positionieren und mir freundlich zunicken, während man die Aufnahme durch Vorbeilaufen ruiniert. Das Haus der Tenenbaums musste aber sein.

Der Central Park ist groß und grün.