Apocalypse now

Es ist die Gesprächssituation, man möchte ja auch nicht die gute Laune verderben, habe das Thema aber auch nicht auf die Tapete gebracht und nun steht sie im Raum und wir kömmen nicht dran vorbei: die Apokalypse. Natürlich ein doofer Bibelbegriff, inklusive der Reiter, man könnte es doch auch Weltuntergang nennen, aber das wäre ja auch wieder nicht so ganz korrekt. Die Welt wird nicht aufhören zu existieren und schon gar nicht kann sie in einem unbegrenzten Universum irgendwo unter irgendetwas anderem sein. Richtiger: die Vernichtung der Lebensgrundlage der Menschen, durch den Menschen. Ja, alles muß man selber machen. Ich habe nicht damit angefangen, Ehrenwort! Es waren die Kinder, nicht die eigenen, die kennen das alles schon und können sich auch keinen Reim darauf machen, leben aber trotzdem noch, sondern die der Gesprächspartner. Die haben dann auch Apokalypse dazu gesagt.

Ratlosigkeit in den Augen, auch Angst. Was soll man den Kindern denn noch raten, ist ja auch so schon schwer genug, ohne Dystopia: nach dem Abitur reiben sich doch alle jungen Menschen die Augen, begreifen nur zögerlich, daß die olle Schule Vergangenheit und dann: erstmal gespenstische Ruhe. Minijob, irgendwo, Party machen, nachdenken wohin und woher, aber oftmals keinen Plan. Wie auch? Die Eltern fühlen sich genötigt, Richtungen vorzuschlagen, mach doch was, sonst arbeitest du auch noch in zwei Jahren in der Pommesbude, aber auch nicht mit Nachdruck (so wie früher), weil man es selber ja auch schon lange nicht mehr weiß, sondern zögerlich. Und dann das. Die Kinder sagen ‚Apokalypse‘ und meinen es auch so.

Was hat es alles noch für einen Sinn, wenn das Klima uns demnächst massiv zusetzt, die Nazis aus ihren Löchern kriechen oder der Muselmann, der alles kann? Wenn Wasser knapp, aber Plastik in selbigem im Überfluss, wenn auch mikroskopisch klein, wenn die ganze Idee von Dasein auseinanderfällt und die Alten ihrer Pflicht nicht nachkommen, wenigstens ein bisschen doller, jedoch droht die Wirtschaft, der Profit beschwert sich, also besser nichts machen, lieber sehen, was die Anderen so versuchen.

Bestimmt ist alles nicht so schlimm, aber dann doch vielleicht, sagt sie. Ich möchte trösten, das Leben ist gerade so schön sonnig und harmonisch, aber ich finde nicht die richtigen Worte. Kein Wunder, habe ich sie doch schon vor längerer Zeit aus dem Wortschatz verbannt. Ehrlich hätte gesagt werden müssen: wir wissen nicht, wie es aussehen wird, aber wir haben es vermurkst und jetzt entgleitet es uns und es wird nicht mehr so schön konsumkuschelig, immer besser und der Freizeitpark der unbegrenzten Möglichkeiten hat sowieso seine Pforten verschlossen. So bleiben Micky und Goofy unter sich. Das Wasser steigt (aber nur das salzige), der Weltenwald brennt und Nationen flüchten vor einer Zukunft als äquatoriale Brathähnchen. Derweil denken ihre Kinder, sagt sie, darüber nach Pfeil und Bogen zu bauen, damit man sich verteidigen kann. Bei Donald zuhause könnte man wenigstens noch auf einen Colt sparen. Aber wohin zielen?

Zwischenstand oder Endstand?

Muß mal wieder sein, scheinbar. Laufe rum und schieße Fotos. Menschen schauen weg, in ihre Phones, alles gut, sollen sie machen. Die Zeiten von diesem Cartier-Besson scheinen vorbei, die Kinder spielen Pokemon-Go und nicht auf der Straße und tragen auch keine Rotweine durch die Gegend. Käme ja auch direkt der Kinderschutz um die Ecke, die Tante vom Amt oder sowas.

Aber alles egal, weil der Mensch am Ende ist. Klima, Konflikte, die neuen Rechten, die Abhängigkeit von der Technik (ja, das schreibe gerade ich, Freund des Computers seit 1984). Vielleicht habe ich Glück und die schlimmsten Folgen rauschen bis zu meinem Tod an mir vorbei, aber die Kinder und Enkel wird es kalt, respektive heiß erwischen.

In dem Film Matrix gibt es diese schöne Stelle an der Agent Smith erklärt, daß der Mensch für ihn kein Säugetier, sondern ein Bakterium ist, welches sein eigenes Habitat zerstört. Simple as that. Aber ich will keinem die Schuld zuweisen, wir haben uns halt ungünstigerweise spätestens seit der industriellen Revolution in diese Richtung entwickelt und noch immer gilt es als eine tolle Sache, wenn Menschen Kinder (er)zeugen.

Chioran hat schon geschrieben, daß man Geburtstage nicht als freudiges Erlebnis feiern sollte, sondern trauern sollte, weil schon wieder ein Lebewesen in dieses fehlerhafte Bewusstsein gestoßen wird. Heute kann man hinzufügen, daß es auch in eine unwirtliche Welt gestoßen wird.

Also Texte, Fotos und gute Taten, die Welt zum Besseren verändern – Eitelkeiten, Ablenkung von dem Gedanken, daß man gar nicht so ein einzigartiges Wesen darstellt. Die, welche unternehmen, sind die größten Schweinepriester. Heute kann jeder Idiot auf diesen einfachen Gedanken kommen. Noch mehr Ursachen setzen ist von Übel – das wusste man schon vor ein paar hundert Jahren. Aber auch hier: keine Schuldzuweisung nur Analyse, bin ja selber so einer, wenngleich auch in einem kleineren Maßstab, als die Gründer von Google.

Also gehe ich hinaus, folge dem Ruf, damit ich nicht zu traurig werde, vielleicht kommt auch ein Spekulatius dazu, ja, hier gibt es noch ein paar Exemplare.

Seid nicht betrübt, es ist ohnehin nicht abzuwenden.

In großer Not

Die Physis stimmt. Eingermaßen. Mit 20 ist man auf dem Höhepunkt, dem Zenith, ok, vorzeitiger Samenerguß, dafür ist man im fortgeschrittenen Alter dann impotent, jetzt nicht ich, sondern andere, via Viagra steht es dann wieder. Wie geht’s, wie steht’s. Frauen haben das Problem nicht, Hinhaltetaktik, ich bin so froh, daß ich ein Mädchen bin.

Aber die Psyche. Das Innenleben. Das konzentrierte Dasein fällt schwer, alles fällt auseinander, objektiv, keine verdrehte Wahrnehmung der Welt, Klimawandel, auch das streiten die Rechten ab, inklusive ihrer inkludierten Nazibrut. Noch kann ich das schreiben, aber warte warte nur ein Weilchen, dann holt dich, vorher fliehen, dann biste Flüchtling, kannst nix dafür, wolltest nur in Ruhe dein nichtiges, kleines, unbedeutendes Leben absolvieren, aber die lassen dich nicht, bist zu anders, Haut und Haar, Hirn und Tat, Stumpf und Stiel und dann ist es vorbei.

Man stelle sich die Stasi vor mit der Technik von heute, selbstfahrende Bluthunde, wie bei Fahrenheit, obwohl ich mir jetzt nicht ganz sicher bin, ob das im Buch war oder im Computerspiel. Ja, es gab ein Computerspiel, ich war dabei. Der freundliche Mitarbeiter verstand den Begriff ‚free refill‘ nicht. Gab es auch mal beim IKEA und dann kamen irgendwelche Kafferumänen mit Thermoskannen. Hat die Frau an der Kasse gesagt. Wenn ich dort bin, kaufe ich immer ein Stück Mandeltorte. Aber wer kann sich sowas schon erlauben. Nicht ich jetzt, das Ganze steht auf der Kippe und ich will fühlender, denkender Mensch bleiben und kein drangsalierter Sozialfall oder schwachsinniger Stundenklopper für die fetten Geldbeutel noch fetterer Menschen, jetzt finanziell gesprochen, die sind gesünder als man so denkt und haben in der Regel kein Problem mit nichts.

Also, die Warner warnen, alles geht weiter wie vorher und mit Autos, jeder eines, Flugzeugen, Fleischverzicht ist ja auch nicht so das Meine, wäre notwendig, kognitive Dissonanz, die Sonne scheint doch so schön, Angrillen. Wenn die Fluttwellentornadeblizzardkatastrophe New York auslöscht, dann wäre die Aufmerksamkeit gewiss, vielleicht aber auch nur kurz, der Wiederaufbau würde schließlich die Wirtschaft und somit auch dem Arbeitnehmer, das Handwerk sucht doch händeringend, obwohl sie so schlecht bezahlen.

Die leise Hoffnung ist, daß es aufhört, wenn ich schreibe. Wenigstens das Gefühl soll verschwinden, einfach einfach sein, manche Leute sind so, können das, leben, lieben, lachen, sorgenfrei, eigentlich, bis auf die üblichen Sachen, Job, Beziehung, Kredit und die Schwiegereltern, die immer nerven. Es soll einfach Ruhe geben, in Würde altern bei 40 Grad im Schatten in Hamburg. Die Bäckereifachverkäuferin sieht so aus, als würde sie ihr eigenes Sortiment ängstigen.

Jetzt wird die Arme von einen älteren Mann dichtgequatscht. Der hat ein Castrol-Käppi auf und ein kariertes Hemd am Leibe.

Das mobile Kommunikationsgerät in der Hemdtasche zieht mich runter. Es ist Hochsommer im September. In großer Not schrei‘ ich zu dir! Jedoch: es nutzt nichts – niemand wird dich retten, warum auch, alle haben so ihre Probleme und nichtiges Dasein, siehe oben. Jetzt wäre der Zeitpunkt eine textliche Kurve zu kriegen, irgendetwas kluges, interessantes, aber Hauptsache: es muß dich entlasten, jedoch kommt nicht, habe ich nicht dabei und mir auch nichts gedacht. Also dabei. Ausgedacht. Wenn Sie darauf warten sollten Sie fernsehen. Gibt ja genug Kanäle.

Es sind die letzten Jahre der alten Ordnung. Vielleicht Jahrzehnte, aber kein halbes Jahrhundert mehr. Auf keinen Fall. Was dann kommt, weiß keiner, wird garantiert anders, deutlich, Ohnmacht bleibt, es sei denn es ist Zombieapokalypse und du wirst zum Anführer gewählt, weil du so schöne Gedanken hattest in der Vergangenheit. Also, es bleibt die Ohnmacht.

Komisch. Jetzt geht es mir besser. Therapeutisches Schreiben.