Berlin

Post-Post-Modern, off-scene, driften entlang der Routen des öffentlichen Personen-Nahverkehrs. Führerschein ist nicht so angesagt hier. Schwarze Lederjacken, Bier in der Hand und Diskussionen, bis aufs Blut und sehr, sehr wichtig. Charakterbildend. Menschen, die bei gefüllten Pfannkuchen (Käse und Hackepeter) meine Malerei kritisieren, andere sprechen sich dafür aus und neben dem Plattenspieler steht eine Platte namens ‚Mother Russia‘. Gern angemacht, aber voll daneben, Techno ist zeitgemäß, Clubs in Abrißhäusern, entkernte Innenräume über vier Etagen, Bombeneinschlag, 50 Jahre her, Speed und Ecstasy, Bombeneinschlag, drei Sekunden her; ein Wunder, daß es bekömmlich ist. Man nimmt sich wirklich wichtig, will der Welt beweisen, daß ganze Kerle die Bühne betreten haben und ich vertrage das Rauchen nicht. Durch und durch und bis auf die Knochen provinziell, wie alle eigentlich, aber der Grad des überzeugenden Schauspiels befindet über den Wert in der Peer-Group.

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Eine Bar mit einem lustigen Namen

Denk nur, schau mal an, es ist ja nicht so ganz ohne Schwierigkeiten zu bewerkstelligen, also von meiner Perspektive aus; nach einer Schicht hier hat der Schwarzgekleidete, hier Servicekraft oder Kellner, bestimmt Probleme den Michael Jackson aus den Ohren zu bekommen. Die besten Hits der Achtziger. Früher mussten die das alles im Kopf oder aufm Zettel haben, das war dann noch schwieriger. Heute nicht ganz so, weil sie diese kleinen Gerätschaften mit sich führen. Aber ist bestimmt nicht streßfrei. Nora scheint total abgenervt zu sein, kein Trinkgeldgesicht, die Jungs hinter dem Tresen sind da schon souveräner, treiben Scherze, zumeist miteinander, präparieren ihren Bereich und haben dann sogar noch Luft einen Kaffee zu trinken.

Draußen schwebt ein geblümter Geist vorbei, die Köpfe drehen sich und jetzt wäre die beste Zeit die Kronjuwelen zu stehlen.

Schwierig sich vorzustellen, wie es damals war, alle quarzten, man sagte blauer Dunst, so dicht, heute kann man hier sogar seine Kinder stillen, macht man sogar, daneben werden Pommes, die sind ja mittlerweile auch krebserregend. Papa was a rolling stone. Zum Glück nicht mehr die Achtziger. Die Speisekarten sind aber noch analog. Kleben gerade neue Preise drauf, oder Sicherheitshinweise, oder eine Adressänderung. Sarah gibt sich redlich Mühe die korrigierten Karten optisch angenehm zu drapieren. Das Wortspiel mit der katalonischen Hauptstadt ist eher so lala, ähnlich den tausend ‚lustigen‘ Namen für einen Friseursalon. Kaiserschnitt. Vielleicht denkt Nora permanent über den Namen nach. Dann könnte ich sie verstehen.

Zwei Männer, ein junger, ein alter, der junge nennt sein Gegenüber immer ‚Bibi‘, Bibi ist nie zu verstehen, aber die Sonnenbrille, die hat Bibi nicht abgenommen, vielleicht eine Art Pate, Godfather, jemand der die Drähte hier im Kiez zieht und sein etwas einfacher Enkel. Bestimmt verdreht Bibi immer die Augen, die Sonnenbrille, jetzt ergibt es Sinn. Enkel hat eine Heuschnupfen Allergie. Gloria Estefan. Hatte die nicht Krebs? Es ist jetzt zwanzig Uhr und einer der motivierten schwarzen Männer verteilt die aktualisierten Speisekarten im Obergeschoss, nix mit Drapieren, aber bis gerade war da oben noch geschlossen. Mehr Umsatz. Ist ja auch gut, die Wirtschaft ankurbeln. Macht Bibi bestimmt auch.

Draußen sitzt Benicio del Toro im mintgrünen Poloshirt.

Sarah serviert wieder. Die Bedienten sehen aus wie junge Studentinnen. Hochschulbildung. Und überhaupt sitzen alle möglichen Leute hier. Das macht es erträglich. Beim Hinausgehen sehe ich Bibi hinterher, er trägt einen Cowboyhut aus Leder. Vielleicht doch nur ein ganz normaler Opa. Die Studentinnen haben reine Haut und reine Gedanken, reden über philosophische Themen oder mathematische Problemstellungen, auf jeden Fall sehen die Getränke alkoholfrei aus – Ginger Ale. Es bilden sich Schlangen von Menschen, begehren Einlass, wollen zurechtgewiesen werden; die Empore ist wohl doch noch nicht geöffnet. Das Wort „Schankverlust“ geht mir durch den Kopf, während Neneh Cherry, aber die war ja Anfang der Neunziger und ihr Bruder hieß Adlerauge.

Benicio gehört offensichtlich zu einem Treffen eines Nachbarschaftsvereins. Zehn Menschen unterschiedlichster Aufmachung, inklusive Benicio sitzen im Außenbereich und trinken, lachen, rauchen und gegessen haben sie scheinbar auch etwas. Und als Nora bei ihnen eine weitere Bestellung aufnimmt, kann selbst sie lachen – für einen kleinen Moment hat sie die Bar mit ihrem lustigen Namen vergessen.

Cardiologisches Wartezimmer

Manchmal sitzt man einfach auch nur so rum. Starrt Löcher in die Luft. Einatmen, ausatmen. Das langsame Wegdriften, die Schiffe verschwinden am Horizont und Sandkörner sickern durch das Glas. Keiner sieht hin. Wenn dann auch noch die Sonne rauskommt, dann ist es umso gemütlicher. Nahezu flat line; ohnehin wartet oder schläft man ja bekanntlich den größten Teil seines Lebens.

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Professionelle Entschuldigung

Ein neuer Tag, eine neue Herausforderung die Umstände zu ertragen. Zu durchleben. Es ist nicht so, es ist anders, es gibt auch mal Kuchen und Torte und lustige Begegnungen mit ehemaligen Arbeitgebern. Eine vertrackte Situation, musste man doch den lieben Mann, von allen respektiert und geachtet für sein bescheidenes Wesen, entfernen, rausschneiden, aber he!, du wolltest doch sowieso etwas anderes machen und da dachten wir, machten wir, Lebensgrundlage hinfort. Es ist nicht leicht gefallen, konnte man sehen, der heiße Brei wurde mehrfach umrundet, gewunden und der Busch beklopft, trotzdem trotze dem, eine Absolution wird es nicht geben, ein bisserl Dank für den Titel, ok, dem unmenschlichen System die Stiefel, pfui! Der Mai ist gekommen, nun ist das Kapitel abgeschlossen. Kein Grund mehr sich damit einen Grund für die Dramatisierung des Daseins zu schnitzen. Also, der nächste Verlust.

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Nachtasyl

Aus dem Nachtasyl erfolgreich entkommen, auferstanden, den Stein vorm Grab weggerollt und Blüten in den Büstenhalter gestopft. Draußen scheint es, es strebt nach draußen, eine kleine Runde, Bewegung vortäuschen, ab ins Café, immerhin ergeben sich da ja irgendwelche Wolken am Himmel und man weiß ja nicht, nie, oftmals ungewiss, wie überhaupt alles so, oder?

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Wider besseren Wissens

Ein Lehrstück über die Berufswahl

Eigentlich Sonnen, klar daß man Angst hat, aber so ein Schisser? Wenn man gefragt würde, wenn es jemanden interessierte, dann würde man sagen, sagte man, ohne Hintergedanken, von der Leber weg, kindesgleich, antwortend: ich mache gerade das Falsche. Ist aber richtig so. Sage ich jetzt.

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Einmal Oldenburg und zurück

Endlich ist es wieder Samstag, die Rehkuh steht an der Strecke. Die jahrelang ungenutzten und verwahrlosten Gebäude, vormals Bahnhöfe, stolz des Ortes und Zeichen für den einziehenden Fortschritt, keine beschwerlichen Reisen mit dem Ochsengespann mehr, plötzlich erscheinen sie erneuert, gepflegt und jemand kehrt vor der Türe. Windräder quirlen auf, die Sonne vertreibt den Mogennebel und die Schweinemast schmiegt sich ins sanfte Grün. Eine pakistanisch verkleidete Familie versucht zu reisen, aber so recht können sie sich nicht entscheiden, die Mutter pendelt zwischen den Sitzplätzen der acht Kinder und die Capri-Sonnen, die jetzt Capri-Sun heißen, sind für sie schon untergegangen. Das anthroposophische Ottersberg droht. Unbegreiflich, daß hier ein Zug anhält, bin aber einigermaßen beruhigt – der Bahnhof ist mit tibetischen Gebetsflaggen geschmückt.

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Abstürze

Ich, sitzend im Bett, antiquierte Hardware auf dem rechten Oberschenkel, Bauch stützt, geht erst seit ein paar Jahren, vorher anatomisch unmöglich gewesen. Ich schrieb. Gerade ein paar sehr gute Zeilen, dann plötzlich der Absturz. Deswegen wechseln des Schreibprozessors. Hold the line!
Hoffe, daß es jetzt im digitalen Bauch bleibt und nicht wieder gewölleartig ausgespuckt und verlustig gehen wird.

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